Gründen mit Ü40 – mutig oder Midlife-Krise?

Vergangene Woche stand das Gründerseminar der Arbeitsagentur auf dem Programm. Schonungslos wurden wir mit Dingen wie Umsatzplanung, Betriebskosten und Rentabilität konfrontiert. Steuervorauszahlungen, Krankenkassenbeiträgen und einer Umsatzvorausplanung für drei Jahre. Und das, wo ich gerade lerne, kleine Schritte zu machen, um von der Monstrosität meines Vorhabens nicht erschlagen zu werden! Es war eine gnadenlose Abrechnung mit meinem träumerischen Ich, das stets zu etepetete für die nackerten Zahlen war.

Aber es war auch ein dringend notwendiger Weckruf. Das Seminar zwingt mich, meine Träume in ein bodenständiges Geschäftskonzept zu gießen. Nun begreife ich erst, wie viele Kleider ich verkaufen muss, um irgendwann wieder mein altes Teilzeitgehalt zu verdienen. Angesichts dieser Zahlen krallt sich die Angst im Bauch fest. Madame Etepetete wird schlagartig bewusst, was es bedeutet, selbständig zu sein. Und zwar nicht als Freelancerin, sondern als Unternehmerin.

Schaffe ich das überhaupt? Woher die innere Stärke nehmen?

Diese Einsichten kommen spät, ich weiß. Doch wenn ich sie ganz zu Beginn gehabt hätte, dann hätte ich den Schritt niemals gewagt. Die Vernunft hätte wieder einmal eine Idee im Keim erstickt. Das Drama meines Lebens.

Doch ich bin nicht die Einzige, die mit der Verwirklichung ihrer Träume so lange gezögert hat. Im Seminar gab es viele Gründerinnen, die es erst in ihrer Lebensmitte wagen, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Und wir waren uns einig, dass auf uns ein ganz anderer Druck lastet als auf den jungen Gründerinnen.

Gründen mit 25 ist leichter weil …

… es noch nicht so schwerfällt, den Gürtel ein Weilchen enger zu schnallen. Da steckt niemand sein hart erkellnertes Geld in die Altersvorsorge, sondern baut seine Zukunft damit auf. Um die Miete zu sparen zieht man wieder bei den Eltern ein. Dann schläft man halt wieder unter dem David Hasselhoff Poster, bis die Geschäfte laufen. Leute, die mit 25 gründen, haben weder die hohen laufenden Kosten noch die Anspruchshaltung, die wir in späteren Jahren entwickeln.

Ü40 Gründerinnen dagegen wird mehr Erfahrung, aber auch eine geringere Fehlertoleranz zugeschrieben. Auf uns lastet ein höherer Zeit- und vor allem Erfolgsdruck. Der Gründungszuschuss wird nur für sechs Monate gewährt. Im Internet preisen zig Coaches die Zauberformel an, wie man in nur sechs Monaten sechsstellige Umsätze erzielt. Und auch die Freunde kennen oft nur eine kurze Karenzzeit. Schnell geht die Frage „Na, wie viele Kleider hast du schon verkauft?“ in betretenes Schweigen über.

Zugleich besteht eine hohe Erwartungshaltung, dass man als Frau alles selbst und allein schafft. Coaches, Trainer oder Berater anzuheuern gilt immer noch als unanständig. Von uns wird erwartet, dass wir alles wissen, können und selbst machen, so als wären wir die heilige Maria, Steffi Graf und Angela Merkel in einem.

Trotzdem gibt es gute Gründe, mit Ü40 noch einmal ganz von vorne anzufangen

Wir bekommen dann nämlich alle noch einmal einen Entwicklungsschub. Bei uns Frauen werden kräftig die Hormone durcheinander gewirbelt. Das sorgt unter anderem dafür, dass die Mutterinstinkte schwinden. Wir scheren uns immer weniger darum, was andere über uns denken und nehmen unsere eigenen Bedürfnisse wieder stärker wahr. Je oller, je doller sagt man und jetzt wissen wir, warum!

Einige nutzen das große Aussortieren in den Konzernen, um zu sehen, was sonst noch in ihnen steckt. Da stecken Kompetenzen, Talente und Interessen in uns, die in den allermeisten Jobs niemals zur Anwendung kommen. Ich bin überzeugt davon, dass diese unterdrückten Anteile für so viel Unzufriedenheit und Frustration um uns herum sorgen. Wer singt schon Lobeshymnen  auf seinen Arbeitsgeber?

Natürlich ist die Selbständigkeit nicht für jeden etwas. Doch wer einmal das Näschen in den Wind der Selbstständigkeit gehalten hat, der kann anschließend auch wieder zufriedener mit den Vorzügen der Festanstellung leben. Auch ich würde nicht ausschließen, wieder in einen Teilzeitjob zu gehen, um den Druck zu mindern.

Kann man Glück kaufen?

Das Gute beim Gründen mit Ü40 ist, dass man im Normalfall einige Rücklagen hat, von denen man ein Weilchen leben kann. Vorausgesetzt man hat ein dickes Fell und gute Nerven! Denn gesellschaftlich ist es immer noch mehr anerkannt, die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz mit einem teuren Auto zu kompensieren als die Früchte der eigenen Arbeit in sich selbst zu investieren.

Stefan und ich haben uns irgendwann gefragt, wozu wir das ganze Geld brauchen, wenn die Grundzufriedenheit im Leben fehlt. Kann materieller Wohlstand eine leere Existenz aufwiegen? Oder ist es vielleicht doch wert, die Ängste zu überwinden und ein bis zwei unbequeme Jahre in Kauf zu nehmen, um die Weichen für eine erfüllte zweite Lebenshälfte zu stellen? Unser Credo lautet: „Nicht mehr unglücklich arbeiten!“, auch wenn das manchmal unbequeme Situationen bedeutet, die wir einfach aushalten müssen.

Der Neustart

Ja, ich habe Angst, und manchmal auch Panik. Das ist oft nur schwer auszuhalten. Überhaupt sind die Belastungen in der Startphase enorm. Es bedeutet, mit dem Druck umzugehen, der von der Arbeitsagentur, dem eigenen Kontostand, dem Umfeld und vor allem von einem selbst ausgeht. Aber ich habe auch einen sehr starken Antrieb: den extrem hohen Leidensdruck meiner letzten Festanstellung. Aus heutiger Sicht bin ich dankbar dafür. Ohne diese krasse Erfahrung würde ich heute immer noch in einem Leben festhängen, das nicht zu mir passt. Sie hat mir einen Entwicklungssprung ermöglicht, den ich sonst nie gemacht hätte.

Dabei weiß ich ganz genau, dass ich immer noch mehr Schwächen als Stärken habe. Aber hey, ich bin die Tanja, die unerschrocken 4.500 Kilometer durch die Wüste geradelt ist, obwohl sie vorher noch nie eine mehrtägige Radtour gemacht hat. Und genau diese Erfahrung hilft mir jetzt.

 

Der Ausblick

Ich werde es nicht schaffen, nach sechs Monaten sechsstellige Umsätze zu schreiben. Zwar entwickle ich mich, aber in meinem Tempo. Ich lerne jeden Tag neue Dinge, aber ein Business aufzubauen braucht Zeit.

Mich und meine Produkte zu verkaufen muss ich erst noch lernen. Noch fühlt es sich an, als würde ich nackt in einem Schaufenster stehen und mit einer großen Leuchtreklame winken, damit mich auch jeder sieht.

Ich muss meinen Perfektionsanspruch ablegen und aushalten können, dass meine Designs am Anfang hausgemacht sind, die Reichweite gering ist und dass das Model auf meinen Fotos aussieht wie ich selbst.

Und vor allem muss ich die Denkweisen ablegen, die mich in 20 Jahren Büroleben geprägt haben. Eigenverantwortung zu übernehmen ist keine Kleinigkeit. Früher hieß es, der Glaube versetzt Berge. Heute sagt man, das Mindset muss stimmen. Noch wichtiger für den Erfolg als Nähen und Schnitttechnik zu beherrschen ist es, meine Gedanken unter Kontrolle zu haben und den Erfolg für mich selbst manifestieren zu können. Genau dafür gibt es Coaches und Berater, die mir zeigen, wie es geht. Ich wäre doch bescheuert, mein ganzes Geld in einen roten Porsche zu stecken, wenn ich mir für das gleiche Geld echte Freiheit und Unabhängigkeit kaufen kann!

 

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