Auf Kleidermission in Kambodscha

[vc_row row_type=”row” use_row_as_full_screen_section=”no” type=”full_width” text_align=”left” background_animation=”none” css_animation=””][vc_column][vc_column_text]Im zweiten Teil meines Reiseberichts erzähle ich euch ein wenig von meiner “Arbeit” in Kambodscha. Wie habe ich meine Produktionspartnerinnen gefunden und wie ist die Zusammenarbeit gelaufen? War die Reise nach Kambodscha nun erfolgreich oder nicht? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn natürlich haben sich die Dinge ganz anders entwickelt, als ich mir das ausgemalt hatte. Zudem bin ich nicht mit einem konkreten Plan losgefahren, sondern hatte nur ein paar vage Ideen im Kopf. Dementsprechend wenig zielstrebig war ich zu Beginn. Auf jeden Fall habe ich eine Menge gelernt, doch alles schön der Reihe nach.

Über Kambodscha muss man wissen, dass es hier keine eigene Textilproduktion gibt. Alle Stoffe, die in den großen Textilfabriken Phnom Penhs verarbeitet werden, sind importiert. Das liegt daran, dass die Roten Khmer die Textilwirtschaft des Landes während ihrer Terrorherrschaft in den 70er Jahren komplett zerstört haben. Im Gegensatz zu den mächtigen Nachbarn Thailand und Vietnam, die ihre prächtigen Textiltraditionen sorgfältig pflegen, hat sich die Textilkultur Kambodschas nie mehr richtig erholt.

Phnom Penh hat sich in den vergangenen Jahren zu einem globalen Fast Fashion Hub entwickelt. Neben den offiziell registrierten Textilfabriken gibt es unzählige Sweatshops, in denen unter katastrophalen Arbeitsbedingungen Billigmode hergestellt wird. Oft zahlen die großen Textilketten so wenig Geld für ihre Aufträge, dass die Löhne der Arbeiterinnen nicht zum Leben ausreichen.

Parallel dazu hat sich in Phnom Penh eine kleine, aber sehr feine Fair Fashion Szene entwickelt, die untereinander gut vernetzt ist. Die meisten Labels verwenden Stoffreste aus den Produktionsüberschüssen der Textilfabriken, um daraus neue Kollektionen zu entwerfen (zero waste approach). Oder sie fördern kleine Frauenkooperativen auf dem Land, die in Handarbeit Stoffe weben und ihre Arbeiterinnen fair bezahlen. Die meisten betreiben sehr erfolgreich eine Kombination aus beidem.

Bereits im vergangenen Jahr hatte ich mehrere potentielle Produktionspartnerinnen kennengelernt, mit denen ich nun eine Zusammenarbeit ausprobieren wollte. Im Internet hatte ich eine Menge Inspiration für Sommerkleider gesammelt und nun wollte ich sehen, inwieweit sich das umsetzen ließ.

Meine erste Anlaufstelle war Color Silk. Das ist eine Frauenkooperative auf dem Land, die in Handarbeit Garn färbt und an traditionellen Webstühlen zu den verschiedensten Stoffen webt. Vanntha, die Gründerin, ist eine der wenigen erfolgreichen, weiblichen Unternehmerinnen des Landes. Inzwischen beschäftigt sie 550 Frauen, die für Kunden in aller Welt Stoffe weben. Die Frauen werden hier nicht nur ausgebildet. Sie erhalten ihren eigenen Webstuhl, der bei ihnen zuhause steht, damit sie sich weiterhin um ihre Familien kümmern können. Das Gehalt, das sie beziehen, ist oft die einzige Einkommensquelle für die ganze Familie, denn auf dem Land ist die Arbeitslosigkeit groß und viele Männer sind Alkoholiker.

Bei Color Silk wollte ich einen Baumwollstoff für meine Kleider ordern und mit den Ökofarben, die sie dort verwenden, in fünf verschiedenen Farben einfärben lassen. Davon träumte ich schon seit über einem Jahr! Vorher hatte ich extra eine Umfrage gemacht, ein Moodboard erstellt und im Pantonekatalog sorgfältig eine harmonische Farbpalette zusammengestellt. Leider musste ich bald lernen, dass das Baumwollfärben gar nicht so einfach ist. Die Farbabweichungen sind ziemlich stark. Es braucht viele Versuche (und starke Nerven), um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Noch dazu musste ich lernen, dass handgewebte Baumwollstoffe wesentlich schwieriger zu verarbeiten sind als maschinengewebte Stoffe und für viele Kleidungsstücke gar nicht geeignet sind. Nach einigen Versuchen gab ich schweren Herzens auf und konnte Color Silk vorerst leider keinen Auftrag erteilen.

Weiter ging es mit Plan B und der fairen Nähwerkstatt Fairsew. Diese wurde vor elf Jahren von der Australierin Anneliese gegründet. Zusammen mit Color Silk ist Fairsew die erste Anlaufstelle für viele Fair Fashion Labels, die nach Kambodscha kommen, um hier produzieren zu lassen. Mich hat vor allem die fröhliche Stimmung des Teams überzeugt. In Deutschland bin ich immer wieder vor Wände aus Arroganz und unerreichbaren Mindestordermengen gerannt bin. Hier hingegen herrscht eine entspannte can-do Atmosphäre. Kein Wunder: in Deutschland hatte ich ja auch immer mit gestelzten Schlipsträgern zu tun. Hier arbeite ich fast ausschließlich mit Frauen.

Als Erstes unternahm ich mit Sreythe von Fairsew eine Tour durch die verschiedenen Stoffmärkte Phnom Penhs. Die Produktionsreste und der Ausschuss werden von den Textilfabriken an lokale Händler weiterverkauft und füllen riesige Lagerhallen im ganzen Stadtgebiet. Dort die Perlen herauszufischen ist eine Kunst für sich. Und es ist harte Arbeit, in den staubigen Lagerhallen bei über 35 Grad stundenlang durch gigantische Stoffberge zu kriechen. Letztlich wurde ich aber fündig und wie durch ein Wunder fand ich genau die fünf Farbtöne, die ich vorher so sorgfältig auf meinem Moodboard zusammengestellt hatte.

Nun musste ich Fairsew noch übermitteln, was sie eigentlich nähen sollten. Da ich keine gelernte Designerin oder Schnittdirektrice bin, malte ich mit Kuli ein paar Skizzen auf ein Blatt Papier. Die hatten entfernte Ähnlichkeit mit den Kleidern auf den Fotos, die ich im Internet gefunden hatte. Anneliese aber war zufrieden und zeigte mir, wie ich meine Skizzen in technische Zeichnungen übertrug, aus denen das Team dann die Schnittmuster erstellte.

Was nun noch fehlte, waren die Webbänder, die auf die Kleider genäht werden sollen. Ich war im Internet auf eine spezielle Webtechnik gestoßen, mit der ein indigenes Volk im äußersten Nordosten Kambodschas Schals und andere traditionelle Kleidungsstücke herstellt. Der Designer, bei dem ich diese Textilien gesehen hatte, brachte mich in Kontakt mit der kleinen NGO CamConscious. Diese bemüht sich darum, den Tourismus in sehr abgelegenen Landesteilen zu entwickeln.

Jitka, die Gründerin, hat privat ein sehr starkes Faible für Handarbeiten. Bei ihr war ich genau an der richtigen Adresse. Sie verstand sofort, was ich vorhatte, und war Feuer und Flamme. Sie erklärte ihrer Mitarbeiterin Ruby meinen Plan und schickte uns nach Ratanakiri, um die Weberinnen dort zu treffen. Ruby spricht fließend Khmer und ohne sie hätte ich das alles gar nicht geschafft. Die Weberinnen hatten auf ihren kleinen Handwebstühlen noch nie 2cm breite Webbänder hergestellt und wussten anfangs gar nicht, was wir eigentlich wollten. Dann aber hatten sie zusehends Spaß am Ausprobieren und die Resultate wurden immer besser. Zum Schluss fanden sie so viel Gefallen daran, dass sie anfingen, modernere Farbkombinationen auszuprobieren und immer neue Muster zu entwickeln.

Ruby und mir ging das Herz auf, als wir sie dabei beobachteten. Genau für diese Art von Zusammenarbeit bin ich nach Kambodscha gekommen. Meine Idee ist, Frauen in abgelegenen Teilen der Erde zu finden, die eine besondere Kulturtechnik oder Textiltradition in Handarbeit pflegen. Diese möchte ich mit unserer modernen Kultur verbinden, um die Frauen dabei zu unterstützen, dieses wertvolle Kulturerbe zu erhalten. Wenn ich so darüber schreibe, bekomme ich richtig Gänsehaut und spüre, dass dieser Teil meiner Arbeit meine große Herzensangelegenheit ist.

Die Zeit in Kambodscha nutzte ich auch zu einer ausgedehnten Rundreise, um noch mehr Webereien und Kooperativen kennenzulernen. Es waren wirklich tolle Projekte dabei, etwa solche, die Minenopfer beschäftigen oder verwahrloste Kinder aufnehmen und zu Näherinnen ausbilden. Allerdings bräuchte es sehr viel mehr Zeit vor Ort, um eine Zusammenarbeit aufzubauen und natürlich eine gewisse Anzahl an Kundinnen, die ich noch nicht habe.

Was mich besonders gefreut hat, war mein Besuch bei Linda und Paul vom Weavers Project. Das ist einer meiner Lieblingsorte in Kambodscha. Lindas Familie sind unglaublich herzliche und gastfreundliche Menschen. Sie betreiben eine kleine Farm, deren Produkte nicht nur täglich auf dem Tisch landen, sondern auch dafür verwendet werden, um Baumwollfasern zu färben und sie in der angeschlossenen Weberei zu luftigen Schals zu verarbeiten. Die Pflanzenfarben sind zu 100% natürlich und werden aus Baumrinden, Blättern, Kokosnussfasern, Zwiebelschalen und vielem mehr gewonnen. Das kleine Team aus 12 Frauen ist fest angestellt. Es gibt sogar eine kleine Schule, in der ihre Kinder nachmittags Englischunterricht bekommen. Ich liebe dieses kleine, aber feine Projekt, weil es von viel Idealismus getrieben ist und die fast vergessene Kunst des Pflanzenfärbens wiederbelebt hat. Von hier stammen übrigens die Schals, die es zurzeit in meinem Webshop gibt.

Dass die Koordination verschiedener Produktionspartner so nahtlos geklappt hat, erstaunt mich immer noch, denn es war ein ziemlich gewagtes Unterfangen. Das verdanke ich vor allem den vielen engagierten Menschen, die mir dabei geholfen haben. Leider hat zum Schluss die Zeit nicht ganz gereicht. Zum einen gibt es wahnsinnig viele Feiertage in Kambodscha. Khmer New Year ist Mitte April etwa das, was die Weihnachtsferien bei uns sind. Zum anderen hat die Regierung im März beschlossen, dem ganzen Land jeweils für einen halben Tag den Strom abzudrehen. Das hat die Produktion zusätzlich lahm gelegt. Die Feiertage aussitzen und einen ganzen Monat länger bleiben wollte ich aber nicht. So habe ich hier vor allem gelernt, dass man ständig improvisieren muss – und idealerweise vor Ort sehr viel mehr Zeit einplant als man es hierzulande tun würde.

Wahrscheinlich seid ihr nun alle sehr gespannt auf die ersten Kleider aus Kambodscha. Ich auch!!! Während ich diesen Artikel schreibe, warte ich täglich darauf, dass sie endlich versandt werden. Bis es soweit ist, kann ich euch nur um Geduld bitten und schon einmal in den Webshop einladen, wo es die schönen Schals vom Weavers Project gibt, die ich für euch mitgebracht habe.

 

Natürlich habe ich in 2 1/2 Monaten Kambodscha noch viel mehr erlebt und gelernt, als ich hier in einen Blogartikel packen kann. In den nächsten Wochen werde ich auf Facebook und Instagram noch einiges
mehr mit euch teilen, zum Beispiel kurze Portraits über meine Produktionspartnerinnen
und die Fair Fashion Labels, die ich dort kennengelernt habe. Über die drei Icons
ganz unten auf dieser Seite kommt ihr auf meine Social Media Profile.  

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