Reise nach Kambodscha – Teil 1

Für meine Reise nach Kambodscha gab es zwei, sagen wir, drei wirklich gute Gründe. Erstens wusste ich, dass ich nicht einfach das Angestelltendasein abstreifen und nahtlos in die Haut einer erfolgreichen Selbständigen schlüpfen konnte. Ich brauchte Abstand von meinem alten Leben, um das neue Leben aufzubauen. Zweitens hatte ich bei unserer Kambodschareise im vergangenen Jahr einige potentielle Produktionspartner kennengelernt. Mit diesen wollte ich nun eine Zusammenarbeit ausprobieren. Naja, und drittens träume ich schon lange davon, den Winter im Warmen zu verbringen. Und warm war es! Das Thermometer fiel an keinem Tag unter 35 Grad. Das machte es nicht nur anstrengend, ich gewöhnte mich bis zum Schluss nicht an den klebrig-verschwitzten Zustand meiner Haut. Vielleicht sollte ich mein künftiges Wintermodell noch einmal überdenken ;-).

 

 

Die ersten Tage in Phnom Penh waren schlimm. Ich hatte mich weit aus meiner Komfortzone herauskatapultiert. Schwerer Jetlag, die ungewohnte Hitze, der laute Verkehr, fremde Gerüche, die Freunde so weit weg und, am allerschlimmsten, kein Stefan an meiner Seite. Mein Körper war komplett im Stressmodus, bis ich mich allmählich einlebte und an das Alleinsein gewöhnte. Aber genau das hatte ich gewollt, um meine Ideen mit Ruhe und Abstand entwickeln zu können, ohne dass mir dauernd jemand reinquatscht.

Natürlich blieb ich nicht lange allein und traf immer wieder faszinierende Menschen. Plötzlich war die Magie des Alleinreisens wieder da. Wie viel offener und empfänglicher man als Alleinreisende doch ist! Ich glaube sogar, dass einem das Schicksal oft die richtigen Menschen zur richtigen Zeit schickt, wenn man erst einmal seinen Weg gefunden hat. So lernte ich beim Couchsurfing die Italienerin Flavia kennen, die auf ihrer Instagramseite hertravel_herstory Frauen zum Alleinreisen ermutigt. Dann hatte ich zwei Mitbewohnerinnen, die für zwei große NGOs die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken Phnom Penhs recherchierten. Und nicht zuletzt lief ich dem außergewöhnlichen Powerduo Svenja und Carolin in die Arme, die mich mit ihrer Energie ein ganzes Stück mitrissen.

„Warum ausgerechnet Kambodscha?“, werde ich immer wieder gefragt. Nun ja, zum einen unterstützen wir hier mit unserem gemeinnützigen Verein Seed of Small Beginnings zwei Schulprojekte. Zum anderen sind mir die Menschen dieses kleinen Landes inzwischen sehr ans Herz gewachsen. In den 2 ½ Monaten, die ich hier verbracht habe, bin ich nicht einer unfreundlichen, nervigen oder aggressiven Seele begegnet. Die Kambodschaner sind freundliche, sanfte und warmherzige Menschen, die immer ein Lächeln übrig haben. Ich wünschte, die Menschen hierzulande hätten ein wenig mehr von ihrer Gelassenheit!

Die ersten Wochen nutzte ich zu einer Rundreise in den Norden Kambodschas. Dabei besuchte ich nicht nur einige Kooperativen, die zum Teil sehr abgelegen und abenteuerlich zu erreichen waren. Ich besuchte auch die Dschungelschule, die wir mit Seed unterstützen und die ebenfalls sehr abgelegen und abenteuerlich zu erreichen war. Wie im vergangenen Jahr hatte ich einen nagelneuen Fußball dabei, den mir die Kinder begeistert aus der Hand rissen. Eigentlich war an diesem Tag schulfrei, doch extra für mich hatten die Kinder ihre weiten Schulwege auf sich genommen. Und zwar ausnahmslos alle. Das zeigt, wie gerne sie hier in die Schule gehen. Und Heang, unser Projektleiter vor Ort, unterstützt sie dabei aus vollem Herzen. Das hat mich so sehr berührt, dass ich spontan beschlossen habe, die ersten Einnahmen aus meinem Webshop für den Kindergarten zu spenden, der in diesem Jahr hier entstehen wird.

Anfangs hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, was ich überhaupt in Kambodscha wollte. Ich hatte die ersten Monate des neuen Jahres einfach dafür reserviert, Abstand von meinem alten Leben zu gewinnen und ein Konzept für Colour Stories zu entwickeln. Je konkreter ich jedoch begann, meine noch vagen Zukunftspläne zu schmieden, desto mehr geriet ich unter Druck und in die Fänge der Schlaflosigkeit. Es war einfach alles viel zu viel am Anfang.

Warum bloß glaubte ich, in vier Wochen all das aufholen zu müssen, was ich zuvor in vier Jahren nicht geschafft hatte? Alles auf Anhieb alles perfekt machen zu müssen? Ich stecke mitten in einem Lernprozess und erlaube mir dennoch nicht, Fehler zu machen, mir Zeit zu nehmen und immer wieder neu anzufangen. Es muss wohl am knallharten Drill der modernen Arbeitswelt liegen, die mich jahrelang auf Zeitdruck, Kostenersparnis und Nullfehlertoleranz konditioniert hat. Mir das bewusst zu machen und Abstand davon zu nehmen war anfangs gar nicht so einfach.

Zum Glück fing mich meine Coachinggruppe auf: „Du bist ganz allein in einen weit entfernten Kontinent gereist und machst Geschäfte in einem Entwicklungsland mit Menschen einer völlig anderen Kultur. Du hast die richtigen Geschäftspartner gefunden und deinen Auftrag platziert. Lehn dich mal zurück und sei stolz auf das, was du alles schon erreicht hast!“

Tatsächlich bin ich sehr dankbar dafür, dass ich das alles hier einfach so machen kann. Zwar jongliere ich hier drei große Bälle in meinen Händen (Webseite und Webshop aufbauen, ein Konzept für Colour Stories entwickeln und meine drei Produktionspartner miteinander koordinieren), doch im Vergleich zu den drei schweren Koffern, die ich im vergangenen Jahr geschleppt habe (siehe vorheriger Blogartikel), fühlt sich alles ganz leicht und natürlich an. Ganz egal, wie dieses Abenteuer ausgehen mag, für das unbezahlbare Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung, das ich hier erlebe, hat sich die Kündigung auf jeden Fall gelohnt!

Ich beschloss, einen Abstecher an die Südküste zu machen, um ein paar Tage am Strand zu entspannen. In dem Maße, wie ich dort zur Ruhe kam, nahm meine Schlaflosigkeit ab und meine innere Stärke wieder zu. Ich ermahnte mich deshalb zu mehr Achtsamkeit mir selbst gegenüber.

Das Ganze intensivierte ich sogar noch mit einem Vipassana Retreat. Das ist diese zehntägige Schweigemeditation, die wir erstmals während der Weltreise gemacht haben. Normalerweise tut mir dieser Rückzug von der Welt sehr gut, doch diesmal war das Durchhalten harte Arbeit. Zu groß war meine Aufbruchstimmung, in der ich mich nun abrupt abgebremst fühlte. „Tanja“, ermahnte mich die Meditationslehrerin. „Das hier ist das Härteste, was ich mir vorstellen kann. Wenn du das hier durchhältst, schaffst du auch alles andere im Leben.“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und es ist bis heute mein Mantra geblieben: “Nichts ist schwerer als zehn Tage Vipassana.”

Zurück in Phnom Penh war dann nichts mehr wie vorher. Ich fühlte mich sehr unwohl. Durch die Meditation waren meine Sinne derart geschärft, dass mir das quirlige Großstadtleben mit seiner Geräusch- und Geruchkulisse einfach auf die Nerven ging. Es war das Signal zur Heimkehr. Obwohl mein Produktionsauftrag noch nicht ganz abgeschlossen war, buchte ich den nächstbesten Flug nach München. Was im Nachhinein eine kluge Entscheidung war, denn durch einen anstehenden Feiertag verzögerte sich die Produktion meiner Kleider gleich um mehrere Wochen und so lange hätte ich wirklich nicht mehr ausharren wollen.

 

Das mit meinen Produktionspartnern ist aber eine Geschichte für sich,
und die erzähle ich euch in der nächsten Folge!

 

 

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