Die Depression, der Burnout und ich

Neulich sagte eine Freundin zu mir: „2018 war aber nicht dein Jahr: die Schlaflosigkeit, die Depression und jetzt auch noch die Kündigung!?“ Recht hat sie. Mein Leben fühlte sich über lange Strecken tatsächlich nicht wie eine glamouröse Insta-Story an. Ich hatte große Hoffnungen in das Jahr 2018 gesetzt und keines der von mir gesetzten Ziele erreicht. Allerdings hatte ich auch mächtig unterschätzt, wie viel Vorarbeit nötig war, um zu dem Menschen zu werden, der diese Ziele erreichen kann.

Eins habe ich aber doch getan: meinen Konzernjob gekündigt. Das war nicht notwendigerweise der erste Schritt meiner Planung, sondern der letzte. Das ultimative, große Ziel. Nun ja, so habe ich eben die Abkürzung genommen.

Dabei hatte im Herbst 2017 alles so gut angefangen. Mit zwei Freunden stellten wir ein richtiges Fotoshooting auf die Beine. Die Fotos hatten eine enorme Resonanz. Für das orange Kleid bekam ich sogar Anfragen von einer Influencerin und einer Ladenbesitzerin. Es hätte ein Traumstart werden können!

 

Doch dann geschah etwas Unerwartetes. In der Nacht von meinem ersten Facebook Post konnte ich nicht schlafen. Ein undefinierbares Schamgefühl nistete sich ein. Was war so verdammt schlimm daran, ein Foto von einem orangen Kleid zu posten? Ich hatte doch zuvor die ganze Welt an unserer Weltreise teilhaben lassen. Ich begriff es zwar nicht, doch es lähmte mich. Von da an ließ mich die Schlaflosigkeit nicht mehr los. Wir fuhren in den Urlaub und ich erholte mich. Wir kamen zurück und die Schlaflosigkeit nahm mich wieder in den Arm.

Im Mai war ich so zermürbt, dass ich mein Gewerbe still legte. Das war ein harter und schmerzhafter Schritt, um den Druck herauszunehmen. Doch er half nichts. Die Schlaflosigkeit hielt weiter an. Im Juni hatte ich den absoluten Tiefpunkt erreicht. Ich wankte erschöpft und benebelt durchs Leben. Hielt mich tagsüber mit immer höheren Koffeindosen wach und trank mich in den Schlaf, der trotzdem nicht kommen wollte. Ein völlig desolater Zustand. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich arbeitsunfähig. Mein Körper gehorchte mir nicht mehr und eine schockierende Hilflosigkeit ergriff mich. Wie hatte ich bloß in eine solche Situation geraten können? Dabei war ich doch mit so viel Schwung und Optimismus von der Weltreise zurückgekehrt, um in ein neues Leben durchzustarten.

 

Das Spannungsfeld zwischen Bürojob, Selbständigkeit und Depression wurde unerträglich. Ich spürte, dass drei einer zu viel waren, aber was sollte ich aufgeben? Der Job, der mich nährte? Das Kleiderprojekt, das meine ganze Leidenschaft war? Oder die Depression, die sich leider nicht so einfach aufkündigen ließ. Das Dilemma war nicht zu lösen.

Ich begann, mir kleine Fluchten einzurichten. Fuhr mit dem Campervan raus ins Grüne, hörte viele Podcasts, versuchte zu meditieren und konnte etwas besser schlafen. Zurück im Alltag ging es jedoch gleich wieder los. Da stand ich also mit drei schweren Koffern, wo ich doch nur zwei Hände hatte.

Ich hatte mein Leben in eine tiefe Sackgasse manövriert, aus der ich nicht mehr herausfand. Ich wusste nur, so geht es nicht weiter. Doch erst, als meine Situation zu eskalieren drohte, fand ich den Mut, etwas zu ändern. Aus heutiger Sicht ist natürlich klar, was das Problem war, doch inmitten dieser Situation konnte ich weder klare Gedanken fassen noch vernünftige Entscheidungen treffen.

 

Dass ich dennoch aus diesem Schlamassel herausfand, habe ich zwei Zufällen zu verdanken. Zum einen wurde mir durch meinen Arbeitgeber eine kostenlose Minitherapie vermittelt. Eine hemdsärmelige Psychologin aus Hamburg brauchte am Telefon nur drei Stunden, um mir mit nordischer Klarheit zwei Dinge auf den Kopf zu sagen, die ich bis dahin nicht wahrhaben wollte: „Aber, Frau Flören! Erkennen Sie es denn nicht selbst? Sie müssen sofort kündigen.“ Und zum anderen: „Es ist doch ganz offensichtlich! Sie haben Angst vor Sichtbarkeit.“. Bamm, das saß. Manchmal braucht es einfach jemanden, der die Dinge beim Namen nennt.

„Sichtbarkeit“ wurde fortan zu meinem Kompasswort. Ich glich mein ganzes Leben gegen dieses Wort ab, vom Mobbing in der Kindheit bis zum Teamplay in der Arbeit. Die Puzzleteile meines Lebens fügten sich zu einem völlig neuen Bild zusammen und ich begriff immer mehr, wie sehr ich darauf abgerichtet worden war, unsichtbar zu sein und bloß nicht anecken zu dürfen.

Doch obwohl ich sehr genau wusste, dass beides wahr ist, dauerte es noch einige Wochen, bis dieses Bewusstsein langsam vom Kopf in den Bauch tröpfelte und ich bereit war, eine mutige Entscheidung zu treffen.

 

Unterdessen ging die Schlaflosigkeit weiter, mehr denn je sogar. Inzwischen war August. Ich litt seit neun Monaten unter massivem Schlafentzug und war komplett am Ende. Und doch habe ich nie über Schlaftabletten oder Psychopharmaka nachgedacht. Ich ahnte immer, dass es einen Grund für dieses Übel geben musste, der tief in mir selbst lag. Meine innere Stimme befahl mir sprichwörtlich, nichts auszublenden und nach dem Kern der Schlaflosigkeit zu forschen. Dabei kam mir noch einmal der Zufall zur Hilfe.

Eines Nachts war ich wieder einmal hellwach und tigerte adrenalinschwanger durch die Wohnung. Aufs Geratewohl klappte ich den Laptop auf und öffnete eine Datei aus dem Coaching Programm, zu dem ich mich angemeldet hatte. Es war eine Herzmeditation. Sie dauerte nur 15 Minuten, doch diese kurze Zeitspanne veränderte mein ganzes Leben. Wie gesagt, reiner Zufall. Innerhalb dieser 15 Minuten fuhr mein gesamter Organismus so dermaßen herunter, dass ich mich ins Bett legen und sofort einschlafen konnte. Was war geschehen?

Ich hatte endlich den Unterschied zwischen Kopfmodus und Herzmodus begriffen. COLOUR STORIES ist mein Herzensprojekt, aber der Bürojob war reine Kopfsache. Und so, wie er mein Leben zunehmend dominierte, geriet ich in ein Spannungsverhältnis, das die Depression erst so richtig nährte. Mit der Zeit war mir der Zugang zu meinem Herzen komplett abhandengekommen. Ich agierte nur noch kopfgesteuert, doch ohne das Herz (oder die Intuition oder das Bauchgefühl) ist der Kopf völlig orientierungslos. Während der Meditation wurde ich ruhig, weil ich den Kopf zum ersten Mal seit langer Zeit komplett ausschalten konnte. Durch die Meditation habe ich den Zugang zu meinem Herzen wiedergefunden, und dass ich ihn verloren hatte, war letztendlich die ganze Ursache meiner Schlaflosigkeit.

 

Die logische Konsequenz war nun, ein artgerechtes Leben zu führen und den goldenen Käfig zu verlassen, in den ich mich im Namen der Vernunft eingesperrt hatte. Der Moment, indem ich das begriff, war der langersehnte Wendepunkt. Von da an wusste ich, dass alles gut werden würde.

Allerdings war der Weg dorthin nicht einfach. Ich konnte jetzt zwar zwischen Kopf und Herz unterscheiden und hatte mich entschieden, künftig den Weg meines Herzens zu gehen. Doch auf das Herz zu hören, wenn der Kopf ständig mit den vernünftigsten Argumenten dazwischenfunkt, erfordert einigen Mut und großes Selbstvertrauen – das ich zu diesem Zeitpunkt nicht hatte. Ich brauchte Zeit und Raum, um mich an dieses neue Lebensgefühl gewöhnen und um die Entscheidungen treffen zu können, von denen ich ahnte, dass sie einigen Mut erforderten.

 

Also packte ich Mann und Auto und fuhr so weit weg wie es nur ging, bis an die Südwestküste Portugals. Das ist ein wilder, kraftvoller Ort, von dem ich wusste, dass meine Seele dort wieder lernen kann zu fliegen. Ich tat dort nicht viel Anderes, als oben auf den Klippen zu sitzen, mir den Wind um die Nase wehen zu lassen und mich der Weite des Ozeans zu öffnen. Wer Neues empfangen will, muss dem Alten Zeit geben zu verduften, hatte ich mal gelesen. Also tat ich genau das: mir Zeit geben.

Und dann geschah das Unerwartete: COLOUR STORIES kam zurück zu mir. Die Eingebungen für Texte, Kleiderschnitte und Stoffdesigns waren plötzlich wieder da. Gedanken, Ideen und Inspirationen prasselten nur so auf mich nieder. Ich saß einfach nur da und empfing völlig sprachlos, was ich glaubte verloren zu haben. So verschaffte ich meiner inneren Stimme Gehör und fand zurück zu den Bedürfnissen, die ich schon vor langer Zeit ganz tief in mir begraben hatte.

Am Ende der vier Wochen waren Herz und Kopf im Einklang und die Schlaflosigkeit wie weggeblasen. Meine Entscheidung war klar und auch die Angst ließ nun nach. Wieder einmal hat es sich bestätigt: ab dem Moment, in dem man endlich eine Entscheidung getroffen hat, wird alles leichter. So ist es auch schon vor der Weltreise gewesen.

Zurück daheim war dann alles ganz einfach: ich sprach mit meinem Chef und reichte die Kündigung ein. Jeder Tag, den ich noch im Büro absitzen musste, bestätigte meine Entscheidung und verdeutlichte mir noch einmal das Missverhältnis, das mich jahrelang so unbemerkt zermürbt hatte.

Ich freute mich nun vollen Herzens auf das, was die meisten als prekäre Situation bezeichnen würden: eine ungewisse Zukunft ohne festes Einkommen. Doch auch hier geschah ein kleines Wunder: neben dem Weihnachtsgeld wurde mir vorzeitig der Jahresbonus ausbezahlt. Damit hatte ich ein hübsches Polster für die ersten Monate ohne Einkommen.

So habe ich eine kuriose Erfahrung gemacht, die dem gesunden Menschenverstand komplett widerspricht: während der Zeit der Festanstellung hatte ich schwerste Schlafstörungen. Als ich über Kündigung und Veränderung nachdachte, kamen Angst und Panikattacken hinzu. Doch als meine Herzensentscheidung unwiderruflich getroffen war, wurde ich ruhig und sorgenfrei.

Wann immer nun eine schwierige Entscheidung ansteht, stelle ich mir folgende Fragen: „Wie entscheidet mein Herz? Waaas??? Das klingt total verrückt und unvernünftig!!! Aber Moment mal!? Wie viele Vernunftentscheidungen hat es denn gebraucht, um mein Leben in eine verzweifelte Sackgasse zu lenken? Kann mir etwas Schlimmeres passieren, wenn ich zur Abwechslung auf mein Herz höre???“.

 

Eine andere Freundin sagte zu Beginn des Jahres Folgendes zu mir: „Ich bin ganz sicher, dass 2018 dein Jahr wird. Die Jahreszahl enthält mit der 8 ja auch das Symbol für die Unendlichkeit.“

Auch sie hat Recht behalten. Tatsächlich sind die Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich in diesem Jahr machen durfte, so viel wertvoller für mich als jeder geschäftliche Gewinn, den ich im gleichen Zeitraum hätte erzielen können. Letztendlich geht es ja darum, die richtige Balance zu finden. Auch das wird sicher nicht einfach. Doch egal, was kommen mag und wie schwierig mein Weg werden wird, das Bewusstsein über den inneren Kompass kann mir niemand mehr nehmen. Und ich hoffe sehr, dass es mir bei allem, was ich mir vorgenommen habe, dabei helfen wird, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wie die Reise weitergeht und wohin mich dieses neue Lebensgefühl führen wird, erfahrt ihr dann bald hier im Blog :).

 

 

Das ist nicht die Art Text, die ich sonst so schreibe. Vielleicht mache ich mich damit verletzlich und angreifbar.
Mir ist aber wichtig, meine persönliche Geschichte zu erzählen, denn viele Menschen haben mich im vergangenen Jahr verändert erlebt und konnten nicht so recht begreifen, was los war. Und vielleicht hilft meine Geschichte ja der einen oder anderen, die in einer ähnlichen Krise steckt. Schreibt eure Gedanken gern unten in die Kommentare oder als persönliche Nachricht an mail@colourstories.de. Ich freue mich auf euer Feedback!

Und wenn ihr jetzt Aufheiterung braucht, dann lest schnell meinen vorherigen Artikel
Wie die Jungfrau zur Mode kam.

 

2 Idee über “Die Depression, der Burnout und ich

  1. Barbara Schumacher sagt:

    Du schreibst sehr sehr schön und ich bin sehr berührt! Deine Herzentscheidung wird bestimmt die richtige sein. Wir sind seit sechs Monaten auf Weltreise – und jeder Tag (und jede Nacht) fühlt sich so gut an.
    Liebe Grüße Barbara

    • Tanja sagt:

      Liebe Barbara, vielen herzlichen Dank für deine lieben Worte. Ich kann kaum glauben, dass ihr schon sechs Monate unterwegs seid. Ihr habt auf jeden Fall die richtige Entscheidung für euch getroffen. Genießt jeden Moment davon!

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