Housesitting Retreat

„Wenn man begriffen hat, dass man den Rest des Lebens zusammen verbringen will, dann will man, dass der Rest des Lebens so schnell wie möglich beginnt.“ So lautet ein berühmtes Filmzitat aus „Harry und Sally“, und auch ich konnte es nach meinem letzten Arbeitstag im Büro kaum erwarten, den Rest meines Lebens zu beginnen. Nur wie genau stellt man das an, wenn man plötzlich uneingeschränkt selbst über seine Zeit verfügen kann und irgendwie alles möglich ist?

Vage ließ ich die üblichen Strand/Yoga/Selbstfindungsszenarien an mir vorüberziehen, doch sie erzeugten alle keine Resonanz. Da kam mir das Angebot von Heike ganz gelegen, während ihres Urlaubs im Dezember das Haus mitsamt Katzen und Wellensittichen zu hüten. Heike und Filippo hatten wir während der Weltreise in Leh kennengelernt und in den Jahren danach per Facebook oder Zufall immer mal wieder getroffen. Sie leben in einem wunderschön restaurierten Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert im Schweizer Jura. Eine verlockende Vorstellung, mich in ein Retreat in den Bergen zurückzuziehen und dabei Pläne für mein neues Leben zu schmieden. Der Preis, den ich dafür zahle: abends Kaminfeuer statt Fernsehen und ein Kuschelpartner mit seidigem Fell statt stoppeligem Bart.

Von 100 auf 0, von der Großstadt in ein abgelegenes Tal, vom Berufsalltag zur Einsiedlerin – die Umstellung war schwieriger als gedacht; das Alleinsein und die ungewohnte Stille waren am Anfang nur schwer auszuhalten.

Von permanenter Reizüberflutung geplagt bin ich es gewohnt, vor dem Hintergrundrauschen der Großstadt mit 100 anderen Seelen unter einem Dach einzuschlafen. In der Wohnung ist es nachts still und die Geräusche bleiben draußen. Hier ist es umgekehrt. Draußen herrscht Totenstille, aber im Haus regt es sich. Die Vögel rühren sich, die Katzen trapsen durchs Haus, das Gebälk ächzt, Mäuse krabbeln durch die Wände. Besonders wenn die Katzenklappe klack-klack macht, klingt das, als ob jemand die Haustür auf- und zu macht. Dann geht sofort der innere Alarm los und alle Horrorfilme der letzten Jahre laufen vor meinem geistigen Auge ab. Dann sehe ich den Kettensägenmörder die Treppe heraufkommen und mich selbst im Nachthemd aus dem Fenster im ersten Stock springen. Ob ich diese Flucht wohl überlebe? Und wo laufe ich nachts auf Socken hin? Zur Bushaltestelle?

Schlafstörungen schleichen sich wieder ein. Ich bin es nicht gewohnt, die einzige menschliche Seele im Umkreis von … na ja, bis zum Gartentörchen zu sein. Dabei sind die nächsten Nachbarn gar nicht weit entfernt und hier im Tal ist die Welt noch so in Ordnung, dass die Menschen ihre Häuser meist gar nicht abschließen und sogar die Schlüssel im Auto stecken lassen (wenn die wüssten, dass eine deutsche Touristin am Ort ist, wäre alles ganz schnell verriegelt und verrammelt :).

Das Dorf hat etwa 300 Einwohner und natürlich kennen sich alle untereinander. Jetzt im Advent laden sie sich gegenseitig zum abendlichen Apéro ein. Da gibt es im Gemeindeblatt einen Plan und dann kann man bei der gastgebenden Familie einfach klingeln und es sich gut gehen lassen. Könnte man sich das bei uns daheim vorstellen? Hätte da nicht jeder Angst, dass die Nachbarn heimlich Großmutters silberne Unterteller mitgehen lassen?

Leider erliegen meine Versuche, mit den Dorfbewohnern anzubändeln, einer unerwarteten Sprachbarriere. Trotz meiner mehrjährigen Vorbildung in einem Schweizer Konzern kommt mein Schwyzerdütsch schnell an seinen Grenzen. Aber mit den vier Wellensittichen im Haus macht wenigstens mein Zwitscherdütsch deutliche Fortschritte. Wer in dieser Zeit mit mir telefoniert hat, weiß, wovon ich spreche :).

Die Menschen im Dorf sind auf jeden Fall sehr offen und herzlich, auch wenn ich das gar nicht so in Anspruch genommen habe. Hier braucht es keine Whatsapp Nachricht, um zu fragen, ob man kurz anrufen darf, um sich zu verabreden. Nein, hier steht man einfach vor der Tür und die Leute freuen sich. Das tut mir gerade so gut, denn so öffnen sich nicht nur Türen, sondern auch Herzen. Vor allem meins!

Zum Grundstück von Heike und Filippo gehört auch ein Waldstück, durch das nachts unheimlich der Wind fegt, und weiter oben im Wald wohnt Sigi, der Schamane. Jetzt in den Raunächten, wo Wintersonnwende und Vollmond zusammenfallen, finden dort Schwitzhüttenrituale statt. Die Menschen beten und singen dann, um Altes hinter sich zu lassen und sich für das Neue zu öffnen. Das passt gut zu dem Schwebezustand, in dem ich mich gerade befinde: zwischen gestern und morgen, Großstadtleben und Einöde, den Leiden der Festanstellung und den Selbstzweifeln einer Selbständigkeit. Mein Kopf ist leer und gleichzeitig zum Bersten voll.

Das Jahr geht zu Ende und auch für mich ist es an der Zeit, Altes loszulassen und innezuhalten, um einen Raum für Neues zu öffnen. Etwas zu lernen, das wir alle verlernt haben: das Nichtstun – sich selbst auszuhalten, die Stille auszuhalten. Die Stille überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Im hektischen Alltag und in der Dynamik einer langjährigen Beziehung verlernt man oft, die eigene Stimme zu hören. Und insbesondere wir Frauen tendieren ja dazu, unsere ureigenen Bedürfnisse zurückzustecken und mit den Jahren ganz zu begraben.

Doch dann beginnt die Stille ihre wohltuende Wirkung zu entfalten. In der Stille und dem Freiraum, die sich hier nun auftun, mir fliegen mir die Antworten zu, nach denen ich im vergangenen Jahr so verzweifelt gesucht habe: Wie will ich mein Leben ausrichten? Was entspricht meiner Wahrheit? Wie baue ich mir eine eigene Existenz auf? Welche Form soll mein Business annehmen und wie passen meine einzelnen Ideen zusammen? Soll ich wirklich Housesitter und virtuelle Assistentin werden, oder lieber nachhaltige Modedesignerin? Oder doch alles zusammen?

Das Verrückte ist, dass ich nach den Antworten gar nicht suchen muss, sondern dass sie mir nur so zufliegen. Deshalb ist es manchmal so wichtig, sich einen Freiraum der Stille zu schaffen. Hochsensiblen Personen wird zugeschrieben, diesen ganz besonderen Draht „nach oben“ zu haben. Und tatsächlich habe ich beim Blogschreiben sehr oft das Gefühl, dass mir die Worte „von oben“ direkt diktiert werden und ich sie einfach nur aufschreiben muss. Oder dass ich beim Aufwachen fertige Kleiderdesigns vor dem inneren Auge sehe, die ich nur noch fotografieren und verkaufen muss. Aber das funktioniert natürlich nicht, wenn nebenan die Sportschau läuft, und genau deshalb bin ich hier: um diesen geheimnisvollen Draht nach oben zu aktivieren bzw. die innere Stimme wieder hören zu können – oder wie auch immer ihr das für euch selbst nennen möchtet.

Am Ende der vier Wochen steht die Erkenntnis, dass Housesitting eine sehr viel intensivere Erfahrung ist als nur Katzen füttern und Blumen gießen. Man schlüpft für einige Wochen in die Haut seiner Gastgeber und lebt das Leben der anderen. Man lernt ihre Nachbarn und Freunde kennen, liest ihre Bücher, kocht mit ihren Töpfen und richtet sich das Leben temporär so ein, wie die anderen für sich eingerichtet haben.

Das bringt einen unweigerlich dazu, das eigene Leben zu reflektieren und zu vergleichen. Gott sei Dank bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mir meine eigene Haut im Großen und Ganzen sehr gut passt. Ich mag meine Wohnung. Ich mag, dass Cafés, Bars und Restaurants in fußläufiger Nähe sind und dass ich einen lokalen Freundes- und Bekanntenkreis habe, mit dem ich mich spontan verabreden kann. Ich mag Sommerpicknicks an der Isar und dass ich alles mit dem Fahrrad erreichen kann und vieles, vieles mehr.

Das einzige, was ich in meinem Leben nicht in Einklang bringen konnte, waren Festanstellung und nebenberufliche Selbständigkeit, und darüber bin ich in eine tiefe Depression versunken. Ich glaube nach wie vor, dass es das richtige Modell für mich wäre, aber nachdem sich der Bürojob jahrelang ungewollt in den Vordergrund geschoben hat, ist es nun an der Zeit, die verkümmerten Anfänge meiner Leidenschaft aufzupäppeln und zum Blühen zu bringen.

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In den nächsten Folgen erzähle ich euch von der schwierigen Entscheidung, mein altes Leben loszulassen und von meiner Reise nach Kambodscha, wo ich nach Stoffen und Produktionspartnern für meine erste richtige Kleiderkollektion suche.

Bitte tragt euch gleich in den Newsletter ein, um keine Folge zu verpassen.
Ich freue mich wirklich sehr über jede Unterstützung!

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8 Idee über “Housesitting Retreat

  1. Andrea Dekoven sagt:

    Ich freue mich schon sehr daruf wieder deinen Blog zu lesen. Ich wusste nicht das du diesen Schritt gewagt hast! Toll! und sehr mutig! Wuensche dir viel Glueck und Erfolg fuer deine Reise in ein neues Abendteuer ‚Leben‘

  2. Manuela Visotschnig sagt:

    so ein toller Bericht bzw. Erzählung. Unglaublich was so alles in dir steckt! Ich hätte gerne mehr gelesen ……… so versunken war ich …………..

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